Informationsverarbeitungs-Kette
Das Gehirn verarbeitet sensorische Information in einer Kette von Stufen. Wickens & Hollands (Engineering Psychology and Human Performance, 3rd ed., 2000) beschreiben das in der Luftfahrt am häufigsten zitierte Modell, übernommen u. a. von ICAO Doc 9683 §3.
Die Stufen
- Sensorischer Input — Sehen, Hören, Vestibulär (siehe [[aufbau-des-auges]], [[hoeren]], [[vestibulaeres-system]]).
- Sensorisches Gedächtnis (Ultra-Kurzzeit) — Bild-Spur ~0,5 s (iconic), Hör-Spur ~2–4 s (echoic). Inhalte vergehen, wenn nicht beachtet.
- Aufmerksamkeit / Wahrnehmung — Auswahl relevanter Reize. Hier entsteht Bewusstsein für „Was sehe ich?".
- Kurzzeit-/Arbeitsgedächtnis (Working Memory) — siehe Detail unten.
- Langzeitgedächtnis — Verfahren, Notfallchecklisten, Erfahrung. Verfügbar durch Übung und Routine.
- Entscheidung / Plan — auf Basis von Wahrnehmung + Gedächtnis + Zielen.
- Ausführung / Motorik — Steuerinput, Funkspruch.
- Rückkopplung — das Ergebnis wird wieder sensorisch erfasst → Schleife.
Kapazität und Dauer des Kurzzeitgedächtnisses
Die Forschung hat die Kapazitätsangaben über die Jahre präzisiert. Für die PPL-Prüfung sind beide Zahlenpaare relevant:
| Quelle | Kapazität | Dauer |
|---|---|---|
| Miller (1956) The Magical Number Seven, Plus or Minus Two | 7 ± 2 Items (Chunks) | ~15–30 s ohne Wiederholung |
| Cowan (2001) The magical number 4 — moderne Replikation | 4–5 Items (echte Chunks ohne Wiederholung) | ~10–20 s |
| EASA-/PPL-Examenmaterialien (Standardannahme) | 5 ± 2 Items | 10–20 s |
Im Cockpit-Kontext: Funkfreigaben, Frequenzen, Höhen werden im Kurzzeitgedächtnis kurz gehalten. Lange ATC-Freigaben („Cleared via H4, then direct ABC, climb FL85, squawk 1234") können diese Kapazität sprengen — daher Mitschreiben und Read-Back essentiell.
Engpässe und Folgen
Sensorische Limits. Was nicht im sichtbaren Bereich liegt (z. B. hinter dem Sichtmasten), kann nicht verarbeitet werden — daher das aktive Scan-Muster [[visuelles-scannen]].
Aufmerksamkeitsbreite. Der Mensch kann nicht zwei kognitiv anspruchsvolle Aufgaben parallel ausführen ("attentional bottleneck"). Beim Funken sinkt die Steuerpräzision — siehe [[aufmerksamkeit-workload-situational-awareness]].
Working-Memory-Überlauf. Lange ATC-Freigaben überschreiten 5–7 Elemente → fehleranfällig. Lösung: Mitschreiben, read-back, Standard-Phraseologie.
Tunneldenken bei Stress. Hohes Arousal verengt die wahrnehmbare Information; periphere Reize (Treibstoffstand, Höhe) entgleiten.
Praktische Implikationen
- Chunking (CTR → Funkfreigabe → Setup → Briefing) reduziert die Anzahl Working-Memory-Einheiten.
- Mnemonics (z. B. „GUMPF" für Final-Check) ersetzen Listen durch ein Gedächtnis-Wort.
- Checklisten lagern Information in die Software (S in SHELL) aus.
- Read-Back sichert Working Memory durch sofortige sensorische Rückkopplung.