Menschliches LeistungsvermögenLektion 29 von 38
29/38Informationsverarbeitung und Entscheidungsfindung

Informationsverarbeitungs-Kette

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Informationsverarbeitungs-Kette

Das Gehirn verarbeitet sensorische Information in einer Kette von Stufen. Wickens & Hollands (Engineering Psychology and Human Performance, 3rd ed., 2000) beschreiben das in der Luftfahrt am häufigsten zitierte Modell, übernommen u. a. von ICAO Doc 9683 §3.

Die Stufen

  1. Sensorischer Input — Sehen, Hören, Vestibulär (siehe [[aufbau-des-auges]], [[hoeren]], [[vestibulaeres-system]]).
  2. Sensorisches Gedächtnis (Ultra-Kurzzeit) — Bild-Spur ~0,5 s (iconic), Hör-Spur ~2–4 s (echoic). Inhalte vergehen, wenn nicht beachtet.
  3. Aufmerksamkeit / Wahrnehmung — Auswahl relevanter Reize. Hier entsteht Bewusstsein für „Was sehe ich?".
  4. Kurzzeit-/Arbeitsgedächtnis (Working Memory) — siehe Detail unten.
  5. Langzeitgedächtnis — Verfahren, Notfallchecklisten, Erfahrung. Verfügbar durch Übung und Routine.
  6. Entscheidung / Plan — auf Basis von Wahrnehmung + Gedächtnis + Zielen.
  7. Ausführung / Motorik — Steuerinput, Funkspruch.
  8. Rückkopplung — das Ergebnis wird wieder sensorisch erfasst → Schleife.

Kapazität und Dauer des Kurzzeitgedächtnisses

Die Forschung hat die Kapazitätsangaben über die Jahre präzisiert. Für die PPL-Prüfung sind beide Zahlen­paare relevant:

QuelleKapazitätDauer
Miller (1956) The Magical Number Seven, Plus or Minus Two7 ± 2 Items (Chunks)~15–30 s ohne Wiederholung
Cowan (2001) The magical number 4 — moderne Replikation4–5 Items (echte Chunks ohne Wiederholung)~10–20 s
EASA-/PPL-Examen­materialien (Standard­annahme)5 ± 2 Items10–20 s

Im Cockpit-Kontext: Funkfreigaben, Frequenzen, Höhen werden im Kurzzeitgedächtnis kurz gehalten. Lange ATC-Freigaben („Cleared via H4, then direct ABC, climb FL85, squawk 1234") können diese Kapazität sprengen — daher Mitschreiben und Read-Back essentiell.

Engpässe und Folgen

Sensorische Limits. Was nicht im sichtbaren Bereich liegt (z. B. hinter dem Sichtmasten), kann nicht verarbeitet werden — daher das aktive Scan-Muster [[visuelles-scannen]].

Aufmerksamkeitsbreite. Der Mensch kann nicht zwei kognitiv anspruchsvolle Aufgaben parallel ausführen ("attentional bottleneck"). Beim Funken sinkt die Steuerpräzision — siehe [[aufmerksamkeit-workload-situational-awareness]].

Working-Memory-Überlauf. Lange ATC-Freigaben überschreiten 5–7 Elemente → fehleranfällig. Lösung: Mitschreiben, read-back, Standard-Phraseologie.

Tunneldenken bei Stress. Hohes Arousal verengt die wahrnehmbare Information; periphere Reize (Treibstoffstand, Höhe) entgleiten.

Praktische Implikationen

  • Chunking (CTR → Funkfreigabe → Setup → Briefing) reduziert die Anzahl Working-Memory-Einheiten.
  • Mnemonics (z. B. „GUMPF" für Final-Check) ersetzen Listen durch ein Gedächtnis-Wort.
  • Checklisten lagern Information in die Software (S in SHELL) aus.
  • Read-Back sichert Working Memory durch sofortige sensorische Rückkopplung.
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