Menschliches LeistungsvermögenLektion 30 von 38
30/38Informationsverarbeitung und Entscheidungsfindung

Aufmerksamkeit, Workload, Situational Awareness

Lesezeit ca. 5 min·
de
Sprache wechseln (EN)

Aufmerksamkeit, Workload, Situational Awareness

Aufmerksamkeit (Attention)

Selektiv — eine Aufgabe wird gewählt, andere ausgeblendet (Cocktail-Party-Effekt). Geteilt — zwei oder mehr Aufgaben gleichzeitig; funktioniert nur, wenn Aufgaben in verschiedenen Modalitäten (visuell + auditiv) oder eine davon hochautomatisiert ist. Anhaltend — über längere Zeit (Cruise, Holding); sehr fehleranfällig bei Monotonie ("vigilance decrement").

Engpass im Cockpit: das Auge. Nur wenige Grad zentralen Sehfelds tragen scharfe Information; alles andere ist peripheres Bewegungs-/Helligkeitsbild (siehe [[aufbau-des-auges]], [[visuelles-scannen]]).

Visuelles Scanning — Sektor-Methode

Die effektivste Scan-Methode (nach FAA AC 90-48E Pilots' Role in Collision Avoidance):

SchrittBeschreibung
1. Sektor­einteilungHorizont in Sektoren von 10–20° Breite aufteilen
2. Sequentielles ScannenSektor für Sektor systematisch durchgehen (links → rechts oder umgekehrt)
3. Pro Sektor pausieren~ 1 Sekunde je Sektor halten — kurz fixieren, damit Auge fokussieren kann
4. ÜberlappungSektoren leicht überlappen lassen, um keinen blinden Streifen zu hinterlassen
5. WiederholungGesamten Horizont alle ca. 10–20 Sekunden komplett scannen

Saccaden-Augenbewegungen ohne Fixation produzieren keine scharfe Bildinformation — daher die 1-Sekunden-Pause pro Sektor.

Erkennung von Kollisionsverkehr: zwischen Erkennen und Initiieren des Ausweich­manövers gehen typisch 5–10 Sekunden verloren (Reaktionszeit + Entscheidung + Steuereingabe).

Workload

Workload = Verhältnis von Aufgabenanforderung zu verfügbarer kognitiver Kapazität. Beides verändert sich im Flug:

code
    Hoch ┐                              ┌── Departure / Approach
Workload│        Cruise               ╱
         │                            ╱
         │     ──────────────────────╱
         │
    Niedr┘
         0 ────── Zeit ───────────────────

Underload (Cruise, Autopilot eingerastet, klares Wetter) führt zu Vigilance-Abfall, Mikroschlaf. Overload (mehrere Frequenzwechsel + Anflug + Verkehr) führt zu task shedding (= Aufgaben fallen lassen): typisch der Fall, dass Funk gemerkt wird, aber die Höhe nicht mehr.

Maße: NASA TLX Fragebogen, Heart Rate Variability, Eye-Tracking.

Situational Awareness (SA) — Endsley 1995

Endsley (Human Factors 37(1), 1995) definiert SA in drei Stufen:

  1. Perception — Welche Elemente sind in meiner Umgebung? (z. B. Verkehr 11 Uhr 500 ft tiefer, Wolkenuntergrenze 1 200 ft)
  2. Comprehension — Was bedeuten sie zusammen? (Konflikt-Vektor? Wolken-Trend?)
  3. Projection — Was wird in den nächsten Minuten geschehen? (Schneidet uns der Verkehr in 30 s? Sinkt die Untergrenze unter Sichtflug-Minima?)

Verlust bereits auf Stufe 1 ist häufigste Ursache für VFR-into-IMC. Stufe 3 ist die schwierigste — erfordert mentales Modell der Situation.

Aufrechterhaltung der SA

  • Aktiv scannen statt warten.
  • Lautes Mitsprechen ("Höhe ist 3 500 ft, frei zum Sinken auf 2 500") nutzt Auditorisches.
  • Trendmonitoring — alle 5 min einmal Briefing-Position überprüfen.
  • Checklisten entlasten Working Memory und schaffen SA-Kapazität.

Pilot-Persönlichkeit und Verhalten

Optimale Pilot-Eigenschaften

Die psychologische Forschung (NASA, Flugmedizinische Studien) identifiziert bei Verkehrspiloten und sicherheitsorientierten GA-Piloten ein bevorzugtes Persönlichkeits­profil:

TraitIdealausprägungBegründung
Extroversionmittel-hochunterstützt Kommunikation, Crew Resource Management
Emotionale Stabilitäthochbewahrt Ruhe in Stress, vermeidet impulsive Entscheidungen
GewissenhaftigkeithochChecklisten-Einhaltung, Prozedur-Treue
Offenheitmittelflexibel auf neue Situationen, nicht starr
Verträglichkeitmittelkooperativ ohne Konfliktscheu

Beste Kombination: extrovertiert + (emotional) stabil.

Hazardous Attitudes (5 gefährliche Einstellungen)

Die FAA hat in den 1980er Jahren (basierend auf NTSB-Unfallanalysen) 5 typische pilot-gefährliche Einstellungen identifiziert. Sie sind in FAA-H-8083-25B Chapter 2 und AC 60-22 Aeronautical Decision Making dokumentiert:

Hazardous AttitudeBeschreibungAntidot (Gegen­gedanke)
Anti-Authority ("Sag mir nicht, was ich tun soll")Ablehnung von Regeln, Anweisungen, Autoritäten"Follow the rules. They are usually right."
Impulsivity ("Schnell, jetzt machen!")Handelt ohne nachzudenken"Not so fast. Think first."
Invulnerability ("Mir passiert das nicht")Glaubt, immun gegen Unfälle zu sein"It could happen to me."
Macho ("Ich kann's")Risiko zur Selbstdarstellung; will beeindrucken"Taking chances is foolish."
Resignation ("Was ich tue, macht keinen Unterschied")Passiv, gibt auf, vertraut Fatalismus"I am not helpless. I can make a difference."

Wichtige Beobachtungen:

  • Macho und Invulnerability treten häufig kombiniert auf — der Pilot, der "es kann", glaubt oft auch, dass ihm "nichts passieren" kann. Diese Kombination ist besonders unfallträchtig.
  • Show-off-Risiko: Manche Piloten neigen dazu, unnötige Risiken einzugehen, wenn sie beobachtet und bewundert werden (z.B. Tiefflüge vor Bekannten, niedriger Überflug der Familie).

Konflikt-Lösung — Active Listening

In interpersonellen Konflikten im Cockpit oder mit ATC ist aktives Zuhören und Reagieren auf Argumente die nachweislich beste Methode:

  • Den Standpunkt des Gegenübers wirklich verstehen, nicht nur abwarten bis man antworten kann.
  • Auf konkrete Argumente eingehen, nicht emotional reagieren.
  • Sachebene bewahren — Trennung Person/Sache.

Flying Skills — Permanent Behaviour Change

Flugfähigkeiten entstehen durch eine permanente Verhaltens­änderung — nämlich durch Übung und Erfahrung. Es gibt keine "Abkürzung":

LernphaseEigenschaft
WissenserwerbBücher, Theorie, Briefing — passives Wissen
Übung mit LehrerGeführte Wiederholung; Korrektur in Echtzeit
Solo-ÜbungEigenverantwortung; Festigung
Erfahrung über JahreMustererkennung, Intuition; verfeinerte Entscheidungen

Skill-Decay: ohne regelmäßige Übung verfallen Fähigkeiten — auch bei erfahrenen Piloten. Daher EASA-Empfehlung: 12 Take-offs / Landungen pro 90 Tage für Currency.

Mental Training

Mentales Training — also das bewusste mentale Durchgehen von Verfahren ohne körperliche Übung — verbessert Flugfähigkeiten auf allen Niveaus:

Was üben?Methode
NotverfahrenIm Stuhl Engine-Failure-Sequenz mental durchgehen (5–10 min/Tag)
AnflugverfahrenAnflugkarte studieren + mental fliegen
FunkphraseologieStandard-Sprüche mental wiederholen
Pattern und CrosswindVisualisierung von Korrektur-Inputs

Wirksamkeit: Mentale Übung aktiviert ähnliche neuronale Bahnen wie tatsächliches Fliegen (Sportpsychologie: Feltz & Landers 1983 Meta-Analyse). Besonders wirksam vor neuem Verfahren (z.B. erste Crosswind-Landung) oder vor anspruchsvollem Flug (z.B. neuer Platz).

Fertig gelesen?
Melde dich an, um deinen Fortschritt zu speichern.