Aufmerksamkeit, Workload, Situational Awareness
Aufmerksamkeit (Attention)
Selektiv — eine Aufgabe wird gewählt, andere ausgeblendet (Cocktail-Party-Effekt). Geteilt — zwei oder mehr Aufgaben gleichzeitig; funktioniert nur, wenn Aufgaben in verschiedenen Modalitäten (visuell + auditiv) oder eine davon hochautomatisiert ist. Anhaltend — über längere Zeit (Cruise, Holding); sehr fehleranfällig bei Monotonie ("vigilance decrement").
Engpass im Cockpit: das Auge. Nur wenige Grad zentralen Sehfelds tragen scharfe Information; alles andere ist peripheres Bewegungs-/Helligkeitsbild (siehe [[aufbau-des-auges]], [[visuelles-scannen]]).
Visuelles Scanning — Sektor-Methode
Die effektivste Scan-Methode (nach FAA AC 90-48E Pilots' Role in Collision Avoidance):
| Schritt | Beschreibung |
|---|---|
| 1. Sektoreinteilung | Horizont in Sektoren von 10–20° Breite aufteilen |
| 2. Sequentielles Scannen | Sektor für Sektor systematisch durchgehen (links → rechts oder umgekehrt) |
| 3. Pro Sektor pausieren | ~ 1 Sekunde je Sektor halten — kurz fixieren, damit Auge fokussieren kann |
| 4. Überlappung | Sektoren leicht überlappen lassen, um keinen blinden Streifen zu hinterlassen |
| 5. Wiederholung | Gesamten Horizont alle ca. 10–20 Sekunden komplett scannen |
→ Saccaden-Augenbewegungen ohne Fixation produzieren keine scharfe Bildinformation — daher die 1-Sekunden-Pause pro Sektor.
→ Erkennung von Kollisionsverkehr: zwischen Erkennen und Initiieren des Ausweichmanövers gehen typisch 5–10 Sekunden verloren (Reaktionszeit + Entscheidung + Steuereingabe).
Workload
Workload = Verhältnis von Aufgabenanforderung zu verfügbarer kognitiver Kapazität. Beides verändert sich im Flug:
Hoch ┐ ┌── Departure / Approach
Workload│ Cruise ╱
│ ╱
│ ──────────────────────╱
│
Niedr┘
0 ────── Zeit ───────────────────
Underload (Cruise, Autopilot eingerastet, klares Wetter) führt zu Vigilance-Abfall, Mikroschlaf. Overload (mehrere Frequenzwechsel + Anflug + Verkehr) führt zu task shedding (= Aufgaben fallen lassen): typisch der Fall, dass Funk gemerkt wird, aber die Höhe nicht mehr.
Maße: NASA TLX Fragebogen, Heart Rate Variability, Eye-Tracking.
Situational Awareness (SA) — Endsley 1995
Endsley (Human Factors 37(1), 1995) definiert SA in drei Stufen:
- Perception — Welche Elemente sind in meiner Umgebung? (z. B. Verkehr 11 Uhr 500 ft tiefer, Wolkenuntergrenze 1 200 ft)
- Comprehension — Was bedeuten sie zusammen? (Konflikt-Vektor? Wolken-Trend?)
- Projection — Was wird in den nächsten Minuten geschehen? (Schneidet uns der Verkehr in 30 s? Sinkt die Untergrenze unter Sichtflug-Minima?)
Verlust bereits auf Stufe 1 ist häufigste Ursache für VFR-into-IMC. Stufe 3 ist die schwierigste — erfordert mentales Modell der Situation.
Aufrechterhaltung der SA
- Aktiv scannen statt warten.
- Lautes Mitsprechen ("Höhe ist 3 500 ft, frei zum Sinken auf 2 500") nutzt Auditorisches.
- Trendmonitoring — alle 5 min einmal Briefing-Position überprüfen.
- Checklisten entlasten Working Memory und schaffen SA-Kapazität.
Pilot-Persönlichkeit und Verhalten
Optimale Pilot-Eigenschaften
Die psychologische Forschung (NASA, Flugmedizinische Studien) identifiziert bei Verkehrspiloten und sicherheitsorientierten GA-Piloten ein bevorzugtes Persönlichkeitsprofil:
| Trait | Idealausprägung | Begründung |
|---|---|---|
| Extroversion | mittel-hoch | unterstützt Kommunikation, Crew Resource Management |
| Emotionale Stabilität | hoch | bewahrt Ruhe in Stress, vermeidet impulsive Entscheidungen |
| Gewissenhaftigkeit | hoch | Checklisten-Einhaltung, Prozedur-Treue |
| Offenheit | mittel | flexibel auf neue Situationen, nicht starr |
| Verträglichkeit | mittel | kooperativ ohne Konfliktscheu |
→ Beste Kombination: extrovertiert + (emotional) stabil.
Hazardous Attitudes (5 gefährliche Einstellungen)
Die FAA hat in den 1980er Jahren (basierend auf NTSB-Unfallanalysen) 5 typische pilot-gefährliche Einstellungen identifiziert. Sie sind in FAA-H-8083-25B Chapter 2 und AC 60-22 Aeronautical Decision Making dokumentiert:
| Hazardous Attitude | Beschreibung | Antidot (Gegengedanke) |
|---|---|---|
| Anti-Authority ("Sag mir nicht, was ich tun soll") | Ablehnung von Regeln, Anweisungen, Autoritäten | "Follow the rules. They are usually right." |
| Impulsivity ("Schnell, jetzt machen!") | Handelt ohne nachzudenken | "Not so fast. Think first." |
| Invulnerability ("Mir passiert das nicht") | Glaubt, immun gegen Unfälle zu sein | "It could happen to me." |
| Macho ("Ich kann's") | Risiko zur Selbstdarstellung; will beeindrucken | "Taking chances is foolish." |
| Resignation ("Was ich tue, macht keinen Unterschied") | Passiv, gibt auf, vertraut Fatalismus | "I am not helpless. I can make a difference." |
Wichtige Beobachtungen:
- Macho und Invulnerability treten häufig kombiniert auf — der Pilot, der "es kann", glaubt oft auch, dass ihm "nichts passieren" kann. Diese Kombination ist besonders unfallträchtig.
- Show-off-Risiko: Manche Piloten neigen dazu, unnötige Risiken einzugehen, wenn sie beobachtet und bewundert werden (z.B. Tiefflüge vor Bekannten, niedriger Überflug der Familie).
Konflikt-Lösung — Active Listening
In interpersonellen Konflikten im Cockpit oder mit ATC ist aktives Zuhören und Reagieren auf Argumente die nachweislich beste Methode:
- Den Standpunkt des Gegenübers wirklich verstehen, nicht nur abwarten bis man antworten kann.
- Auf konkrete Argumente eingehen, nicht emotional reagieren.
- Sachebene bewahren — Trennung Person/Sache.
Flying Skills — Permanent Behaviour Change
Flugfähigkeiten entstehen durch eine permanente Verhaltensänderung — nämlich durch Übung und Erfahrung. Es gibt keine "Abkürzung":
| Lernphase | Eigenschaft |
|---|---|
| Wissenserwerb | Bücher, Theorie, Briefing — passives Wissen |
| Übung mit Lehrer | Geführte Wiederholung; Korrektur in Echtzeit |
| Solo-Übung | Eigenverantwortung; Festigung |
| Erfahrung über Jahre | Mustererkennung, Intuition; verfeinerte Entscheidungen |
→ Skill-Decay: ohne regelmäßige Übung verfallen Fähigkeiten — auch bei erfahrenen Piloten. Daher EASA-Empfehlung: 12 Take-offs / Landungen pro 90 Tage für Currency.
Mental Training
Mentales Training — also das bewusste mentale Durchgehen von Verfahren ohne körperliche Übung — verbessert Flugfähigkeiten auf allen Niveaus:
| Was üben? | Methode |
|---|---|
| Notverfahren | Im Stuhl Engine-Failure-Sequenz mental durchgehen (5–10 min/Tag) |
| Anflugverfahren | Anflugkarte studieren + mental fliegen |
| Funkphraseologie | Standard-Sprüche mental wiederholen |
| Pattern und Crosswind | Visualisierung von Korrektur-Inputs |
Wirksamkeit: Mentale Übung aktiviert ähnliche neuronale Bahnen wie tatsächliches Fliegen (Sportpsychologie: Feltz & Landers 1983 Meta-Analyse). Besonders wirksam vor neuem Verfahren (z.B. erste Crosswind-Landung) oder vor anspruchsvollem Flug (z.B. neuer Platz).