Betriebsverfahren — FlugzeugeLektion 26 von 36
26/36Vulkanasche, schlechte Sicht, Wind Shear

Schlechte-Sicht-Verfahren (LVP)

Lesezeit ca. 4 min·
de
Sprache wechseln (EN)

Schlechte Sicht — Verfahren und Gefahren

Diese Lesson behandelt sowohl Low Visibility Procedures (LVP) an Flughäfen als auch VFR-relevante Hazards bei reduzierter Sicht (Nebel, Vereisung, Wolken­basis).

Teil 1 — LVP an Flughäfen

LVP sind betriebliche Maßnahmen an Flughäfen bei stark reduzierter Sicht, um die Sicherheit von Anflug, Landung und Bewegungen am Boden zu gewährleisten.

Quelle: ICAO Annex 14 Volume I; ICAO Doc 9476 Manual of Surface Movement Guidance and Control Systems (SMGCS); EASA AMC 20-25.

Wann werden LVP aktiviert?

Typische Auslöser (variieren je Flughafen / Staat):

  • RVR < 600 m (oder ähnlicher Wert).
  • Wolkenbasis < 200 ft AAL (Cat II-konditioniert).
  • Vorgesehene CAT II/III-Anflüge.

LVP-Aktivierung wird im ATIS angekündigt: "Low Visibility Procedures in operation."

Auswirkungen am Boden

  • Größere Holding-Abstände: Aircraft warten weiter weg vom Bahnrand (CAT III Holding Position).
  • Reduzierte Surface Movement: nur ein Aircraft auf bestimmten Taxiways gleichzeitig.
  • Erweiterte Bahn­schutz­zonen (ILS Critical Area, ILS Sensitive Area) — kein Verkehr darin.
  • Bahn­licht­einstellungen auf hohe Intensität.

Auswirkungen in der Luft

  • Erhöhte Separationen zwischen anfliegenden Aircraft.
  • Nur LVP-zugelassene Flugzeuge (CAT II/III-Avionik) für Approaches < CAT I-Minima.
  • VFR-Verkehr in CTR während LVP typisch nicht erlaubt oder stark eingeschränkt.

Für PPL-VFR — Praktische Konsequenzen

LVP betrifft VFR direkt:

  • VFR-Flüge in einen LVP-aktiven CTR: typisch nicht zulässig.
  • Anflug von außen: ATC kann VFR-Anflug ablehnen.
  • Ausweichplatz notwendig — vor Flug planen.

Pre-Flight Check: aktuelle METAR/TAF des Zielplatzes auf erwartete LVP-Aktivität.

Cat I / II / III — Approach-Kategorien

(Wiederholung aus Subject 060 Lesson "ILS-Bewusstsein"):

KategorieDHRVR
CAT I≥ 200 ft550 m
CAT II≥ 100 ft300 m
CAT IIIa< 100 ft200 m
CAT IIIb< 50 ft50 m

LVP üblicherweise aktiviert bei RVR < 600 m oder vor CAT II-Anflug.

Teil 2 — VFR-Hazards bei reduzierter Sicht

Warmfront-Durchgang — Hauptgefahr für VFR

Beim Durchflug einer Warmfront ist die Hauptgefahr für den VFR-Pilot eine starke Reduktion der Sicht mit Verletzung der Sicht­flug­bedingungen (VMC):

  • Warmfronten bringen langgezogene Nimbo­stratus und Stratus-Decken — Sicht kann auf wenige hundert Meter fallen.
  • Sprühregen, Nieselregen (Drizzle) reduziert Sicht zusätzlich.
  • Niedrige Wolken­basen (oft < 1000 ft AGL) zwingen VFR-Pilot in den Boden.
  • Konsequenz: bei Warmfront entlang der Route oder am Ziel: Diversion oder verschieben des Flugs.

Taupunkt-Annäherung am Abend — Nebel

Wenn die Luft­temperatur in den Abend­stunden dem Taupunkt naht (z.B. nach einem heißen, sonnigen Tag mit hoher Bodenfeuchte), soll der Pilot dichten Boden­nebel erwarten:

  • Nach Sonnen­untergang kühlt der Boden schnell ab durch Ausstrahlung.
  • Die Luft direkt über dem Boden kühlt mit und kondensiert bei Erreichen des Taupunkts.
  • Ergebnis: Strahlungs­nebel (Radiation Fog) in den ersten Stunden nach Sonnen­untergang oder vor Sonnen­aufgang.
  • Konsequenz: Flug vor Einbruch der Nebel­bildung beenden, oder Diversion zu fog­freiem Platz.

→ Faustregel: Temperatur-Taupunkt-Spread < 3 °C in den Abend­stunden = hohes Nebel­risiko.

Unter­kühlter Regen — schwere Vereisung

Unterkühlter Regen (Supercooled Rain) / Freezing Rain ist eine extreme Vereisungs­gefahr: flüssiger Regen unterhalb 0 °C, der bei Kontakt mit dem kalten Flugzeug sofort gefriert.

  • Massive Eisbildung in kürzester Zeit auf allen Oberflächen — aerodynamische und statische Werte verändern sich dramatisch.
  • Klares Eis (clear ice) ist besonders gefährlich — kaum sichtbar, sehr schwer.
  • Folgen: Tragflügel-Profil zerstört (Auftriebsverlust > 50 %), Steuerflächen versteift, Pitot-Statik blockiert.
  • Konsequenz für VFR-Pilot: bei Verdacht auf Freezing Rain sofort umkehren oder absinken in wärmere Luftschicht (falls möglich); Notlandung erwägen.

Vereisungs­zone — schnell verlassen

Wenn das Flugzeug in eine Vereisungs­zone eintritt (sichtbare Eisbildung auf Tragflügel-Vorderkante, Pitot, Antenne), soll der Pilot die Zone so schnell wie möglich verlassen:

  • Höhe ändern: oft nach oben oder unten ausweichen (wärmere oder trockenere Luftschicht).
  • Heading ändern: zum kürzesten Weg aus der Wolken-/Niederschlagszone heraus.
  • Carb Heat ON sofort.
  • Pitot Heat ON (falls vorhanden).
  • Falls vorhanden, Anti-Ice / De-Ice einschalten.
  • Mayday/PAN-PAN je nach Schwere.

Rim­e-Ice am Tragflügel — Auswirkung

Rim­e Ice (Raufrost) am Tragflügel verändert das Auftriebs­profil dramatisch und hat folgende Hauptauswirkungen:

WirkungMechanismus
Verlust an AuftriebProfil-Form gestört — strömungsablöse früher
Erhöhung der MasseEis ist schwer (1 cm Eis = ~1-5 kg/m² zusätzliche Last)
Erhöhung des Widerstandsrauer Eisbelag = mehr parasitärer Widerstand
Erhöhung Stall-Speedwegen Auftrieb­sverlust
Versteifung der Steuerflächenbei dicker Eisschicht — Querruder/Höhen­ruder schwergängig

Die größte Gefahr bei Wing-Icing durch Rim­e-Ice ist die Kombination aus:

  1. Veränderung der Profil­form (Aerodynamik gestört),
  2. Massen­zunahme (zusätzliches Gewicht),
  3. Widerstands­zunahme (höherer Brennstoff­verbrauch, schlechtere Performance),
  4. Auftriebs­verlust (durch alle obigen Faktoren zusammen).

→ Pilot muss vor dem Eintritt in Wolken bei Temperaturen unter 0 °C die Vereisungs­bedingungen abschätzen und ggf. den Flug abbrechen oder umrouten.

Spezialfälle in Europa

  • Großflughäfen (LHR, CDG, FRA, AMS, MUC, ZRH): vollständige LVP-Infrastruktur.
  • Regional-Flughäfen: oft nur CAT I-Equipment — bei niedriger Sicht Closure für IFR-Approach.
  • Kleine Plätze (UL, Sport): keine LVP — sind im Nebel geschlossen für jeden Verkehr außer Berechtigte.
Fertig gelesen?
Melde dich an, um deinen Fortschritt zu speichern.