Schlechte Sicht — Verfahren und Gefahren
Diese Lesson behandelt sowohl Low Visibility Procedures (LVP) an Flughäfen als auch VFR-relevante Hazards bei reduzierter Sicht (Nebel, Vereisung, Wolkenbasis).
Teil 1 — LVP an Flughäfen
LVP sind betriebliche Maßnahmen an Flughäfen bei stark reduzierter Sicht, um die Sicherheit von Anflug, Landung und Bewegungen am Boden zu gewährleisten.
Quelle: ICAO Annex 14 Volume I; ICAO Doc 9476 Manual of Surface Movement Guidance and Control Systems (SMGCS); EASA AMC 20-25.
Wann werden LVP aktiviert?
Typische Auslöser (variieren je Flughafen / Staat):
- RVR < 600 m (oder ähnlicher Wert).
- Wolkenbasis < 200 ft AAL (Cat II-konditioniert).
- Vorgesehene CAT II/III-Anflüge.
LVP-Aktivierung wird im ATIS angekündigt: "Low Visibility Procedures in operation."
Auswirkungen am Boden
- Größere Holding-Abstände: Aircraft warten weiter weg vom Bahnrand (CAT III Holding Position).
- Reduzierte Surface Movement: nur ein Aircraft auf bestimmten Taxiways gleichzeitig.
- Erweiterte Bahnschutzzonen (ILS Critical Area, ILS Sensitive Area) — kein Verkehr darin.
- Bahnlichteinstellungen auf hohe Intensität.
Auswirkungen in der Luft
- Erhöhte Separationen zwischen anfliegenden Aircraft.
- Nur LVP-zugelassene Flugzeuge (CAT II/III-Avionik) für Approaches < CAT I-Minima.
- VFR-Verkehr in CTR während LVP typisch nicht erlaubt oder stark eingeschränkt.
Für PPL-VFR — Praktische Konsequenzen
LVP betrifft VFR direkt:
- VFR-Flüge in einen LVP-aktiven CTR: typisch nicht zulässig.
- Anflug von außen: ATC kann VFR-Anflug ablehnen.
- Ausweichplatz notwendig — vor Flug planen.
Pre-Flight Check: aktuelle METAR/TAF des Zielplatzes auf erwartete LVP-Aktivität.
Cat I / II / III — Approach-Kategorien
(Wiederholung aus Subject 060 Lesson "ILS-Bewusstsein"):
| Kategorie | DH | RVR |
|---|---|---|
| CAT I | ≥ 200 ft | 550 m |
| CAT II | ≥ 100 ft | 300 m |
| CAT IIIa | < 100 ft | 200 m |
| CAT IIIb | < 50 ft | 50 m |
LVP üblicherweise aktiviert bei RVR < 600 m oder vor CAT II-Anflug.
Teil 2 — VFR-Hazards bei reduzierter Sicht
Warmfront-Durchgang — Hauptgefahr für VFR
Beim Durchflug einer Warmfront ist die Hauptgefahr für den VFR-Pilot eine starke Reduktion der Sicht mit Verletzung der Sichtflugbedingungen (VMC):
- Warmfronten bringen langgezogene Nimbostratus und Stratus-Decken — Sicht kann auf wenige hundert Meter fallen.
- Sprühregen, Nieselregen (Drizzle) reduziert Sicht zusätzlich.
- Niedrige Wolkenbasen (oft < 1000 ft AGL) zwingen VFR-Pilot in den Boden.
- Konsequenz: bei Warmfront entlang der Route oder am Ziel: Diversion oder verschieben des Flugs.
Taupunkt-Annäherung am Abend — Nebel
Wenn die Lufttemperatur in den Abendstunden dem Taupunkt naht (z.B. nach einem heißen, sonnigen Tag mit hoher Bodenfeuchte), soll der Pilot dichten Bodennebel erwarten:
- Nach Sonnenuntergang kühlt der Boden schnell ab durch Ausstrahlung.
- Die Luft direkt über dem Boden kühlt mit und kondensiert bei Erreichen des Taupunkts.
- Ergebnis: Strahlungsnebel (Radiation Fog) in den ersten Stunden nach Sonnenuntergang oder vor Sonnenaufgang.
- Konsequenz: Flug vor Einbruch der Nebelbildung beenden, oder Diversion zu fogfreiem Platz.
→ Faustregel: Temperatur-Taupunkt-Spread < 3 °C in den Abendstunden = hohes Nebelrisiko.
Unterkühlter Regen — schwere Vereisung
Unterkühlter Regen (Supercooled Rain) / Freezing Rain ist eine extreme Vereisungsgefahr: flüssiger Regen unterhalb 0 °C, der bei Kontakt mit dem kalten Flugzeug sofort gefriert.
- Massive Eisbildung in kürzester Zeit auf allen Oberflächen — aerodynamische und statische Werte verändern sich dramatisch.
- Klares Eis (clear ice) ist besonders gefährlich — kaum sichtbar, sehr schwer.
- Folgen: Tragflügel-Profil zerstört (Auftriebsverlust > 50 %), Steuerflächen versteift, Pitot-Statik blockiert.
- Konsequenz für VFR-Pilot: bei Verdacht auf Freezing Rain sofort umkehren oder absinken in wärmere Luftschicht (falls möglich); Notlandung erwägen.
Vereisungszone — schnell verlassen
Wenn das Flugzeug in eine Vereisungszone eintritt (sichtbare Eisbildung auf Tragflügel-Vorderkante, Pitot, Antenne), soll der Pilot die Zone so schnell wie möglich verlassen:
- Höhe ändern: oft nach oben oder unten ausweichen (wärmere oder trockenere Luftschicht).
- Heading ändern: zum kürzesten Weg aus der Wolken-/Niederschlagszone heraus.
- Carb Heat ON sofort.
- Pitot Heat ON (falls vorhanden).
- Falls vorhanden, Anti-Ice / De-Ice einschalten.
- Mayday/PAN-PAN je nach Schwere.
Rime-Ice am Tragflügel — Auswirkung
Rime Ice (Raufrost) am Tragflügel verändert das Auftriebsprofil dramatisch und hat folgende Hauptauswirkungen:
| Wirkung | Mechanismus |
|---|---|
| Verlust an Auftrieb | Profil-Form gestört — strömungsablöse früher |
| Erhöhung der Masse | Eis ist schwer (1 cm Eis = ~1-5 kg/m² zusätzliche Last) |
| Erhöhung des Widerstands | rauer Eisbelag = mehr parasitärer Widerstand |
| Erhöhung Stall-Speed | wegen Auftriebsverlust |
| Versteifung der Steuerflächen | bei dicker Eisschicht — Querruder/Höhenruder schwergängig |
Die größte Gefahr bei Wing-Icing durch Rime-Ice ist die Kombination aus:
- Veränderung der Profilform (Aerodynamik gestört),
- Massenzunahme (zusätzliches Gewicht),
- Widerstandszunahme (höherer Brennstoffverbrauch, schlechtere Performance),
- Auftriebsverlust (durch alle obigen Faktoren zusammen).
→ Pilot muss vor dem Eintritt in Wolken bei Temperaturen unter 0 °C die Vereisungsbedingungen abschätzen und ggf. den Flug abbrechen oder umrouten.
Spezialfälle in Europa
- Großflughäfen (LHR, CDG, FRA, AMS, MUC, ZRH): vollständige LVP-Infrastruktur.
- Regional-Flughäfen: oft nur CAT I-Equipment — bei niedriger Sicht Closure für IFR-Approach.
- Kleine Plätze (UL, Sport): keine LVP — sind im Nebel geschlossen für jeden Verkehr außer Berechtigte.