Betriebsverfahren — FlugzeugeLektion 27 von 36
27/36Vulkanasche, schlechte Sicht, Wind Shear

Low-Level Wind Shear / Microbursts

Lesezeit ca. 4 min·
de
Sprache wechseln (EN)

Low-Level Wind Shear und Microbursts — Operative Verfahren

Diese Lesson behandelt die operative Reaktion auf Wind Shear und Microbursts. Die meteorologischen Grundlagen sind in Subject 050 Lesson "Low-Level Wind Shear und Microbursts" detailliert.

Quelle: FAA AC 00-54 Pilot Windshear Guide (1988, weiterhin aktiv); ICAO Doc 9817 Manual of Low-Level Wind Shear (3. Aufl., 2005).

Definition Wind Shear

Wind Shear ist die vertikale oder horizontale Änderung von Windgeschwindigkeit und/oder Windrichtung zwischen zwei nahe beieinanderliegenden Punkten in der Atmosphäre. Sie tritt vor allem auf bei:

  • Inversionen (Temperatur­umkehr in niedriger Höhe — typisch in der Nacht, am frühen Morgen, oder direkt über kalter Bodenluft).
  • Gewittern — vor allem während Down­bursts/Microbursts und an Outflow-Boundaries.
  • Fronten (Kalt- und Warmfronten) — sprunghafte Wind-Änderung beim Frontdurchgang.
  • Jet-Streams und Mountain Waves — primär in höheren Lagen.

Im Niedrigflug (Take-off und Anflug) ist Wind Shear lebensbedrohlich, weil keine Höhe zum Auffangen verbleibt.

Erkennung im Cockpit

Anzeichen vor Encounter

  • METAR/SPECI mit WS (Wind Shear)-Annotation.
  • TAF mit WS für aktive Periode.
  • ATIS mit "wind shear advisory".
  • LLWAS / TDWR-Warnung durch ATC.
  • Visuelle Hinweise: Virga unter Cumulus, dust foot, abrupte Wolken­bewegung.
  • Vorflieger-PIREP "moderate to severe wind shear on final".

Während Encounter (Anflug)

  • Plötzlicher IAS-Anstieg von 10–15 kt (Headwind-Phase).
  • Gefolgt von dramatischer IAS-Verlust (Tailwind-Phase, Wind dreht).
  • Höhenverlust trotz konstanter Konfiguration.
  • Sinkrate über Plan.

Wind-Shear-Fälle im Anflug — Tabelle ohne Korrektur

Bei stabilisiertem Anflug auf Glide­path mit Vapp ohne Pilot-Korrektur verhält sich das Flugzeug wie folgt, wenn die Wind­situation sich ändert:

Wind-ÄnderungAnflug­pfadIASGrund
Abnehmender Gegenwind (decreasing headwind)unter Plan (zu tief)sinktweniger Gegenwind → weniger Auftrieb → sinkt → IAS fällt
Zunehmender Gegenwind (increasing headwind)über Plan (zu hoch)steigtmehr Gegenwind → mehr Auftrieb → steigt → IAS steigt
Abnehmender Rückenwind (decreasing tailwind)über Plan (zu hoch)steigtWind­änderung wirkt wie zunehmender Headwind
Zunehmender Rückenwind (increasing tailwind)unter Plan (zu tief)sinktWind­änderung wirkt wie abnehmender Headwind

Merksatz: Wenn der Wind so wechselt, dass der effektive Headwind zunimmt, steigt Flieger über Plan und IAS steigt. Wenn der effektive Headwind abnimmt, sinkt der Flieger und IAS fällt.

Operative Reaktion (Anflug)

Sofortiges Go-Around bei:

  • IAS-Verlust > 10 kt unter Vapp innerhalb 5 Sek.
  • Höhenverlust > 100 ft unter Glideslope.
  • Pitch-Änderung > ±5° vom getrimmten Anflug.
  • Wind-Sprung > 30° in Richtung.

Go-Around-Procedure:

  1. Throttle FULL sofort.
  2. Pitch positive auf Best-Climb-Speed oder bis zu Stick-Shaker (extrem).
  3. Klappen schrittweise reduzieren nach Geschwindigkeitsaufbau.
  4. Configuration unverändert halten in höchster Notlage — kein Klappen-/Gear-Manöver.
  5. Tower informieren: "Going around, wind shear."
  6. Pattern wieder für neuen Versuch oder Alternate.

Take-off mit Wind Shear-Warnung

  • NICHT starten, wenn LLWAS-Warnung aktiv und keine besseren Bedingungen erwartet.
  • Bahn­wahl: bessere Wind­linie wählen.
  • Take-off-Pause: 10–15 min abwarten — Microburst-Lebensdauer 5–15 min.

Microburst-Specific

Symptome

Microburst-Symptome (sehr akut):

  • IAS-Anstieg → IAS-Verlust → Sinkflug — alles innerhalb 20–40 Sek.
  • Bei tiefem Anflug (Final): Bodenkontakt-Risiko hoch.

Microburst nach Lift-off — typische Anzeichen

  • Unmittelbar nach Lift-off wird eine viel stärker als erwartete IAS-Steigerung registriert (Headwind-Phase des Microbursts).
  • Danach: reduzierte Climb-Rate und IAS-Verlust — der Flieger ist in den Microburst geraten.

Recovery — Microburst direkt nach Lift-off

Wenn ein Microburst unmittelbar nach Lift-off durchflogen wird, ist die Standard-Recovery (FAA AC 00-54):

  1. Max Power setzen — alle verfügbare Leistung.
  2. Aktuelle Konfiguration beibehalten — KEIN Klappen-/Gear-Manöver (verändert Drag, Verlust an Energie).
  3. Pitch auf Vy (best rate of climb) — maximaler Höhen­gewinn pro Zeit.
  4. Pitch ggf. höher bis Stick-Shaker (Stall-Warnung) — Boden vermeiden geht vor Stall.
  5. Volle Power halten, bis sicher außerhalb des Microbursts.

Reaktion bei Microburst-Vermutung in Final

  • Sofort Go-Around auch bei stabilen Bedingungen wenn andere Aircraft Wind Shear melden.
  • Pitch auf Vy oder Stick-Shaker — Stall ist überlebbar, Boden­kollision nicht.
  • Throttle FULL und halten.
  • Configuration: Klappen reduzieren wenn sicher (nach Speed-Aufbau, nicht in der akuten Phase).

Praktisch: Pilot-Reaktionszeit

  • Erkennung bis Reaktion: typ. 3–5 Sekunden.
  • In dieser Zeit kann IAS um 20+ kt fallen und Höhe um 100+ ft sinken.
  • Antizipation: bei Verdacht früher Go-Around als später.

Wiederholung der berühmten Unfälle

(Quelle: NTSB Final Reports)

FlugDatumOrtAircraftTote
Eastern 661975-06-24JFKB727113
Pan Am 7591982-07-09New OrleansB727153
Delta 1911985-08-02DFWL-1011137
USAir 10161994-07-02CharlotteDC-937

Diese Unfälle führten zur Einführung von LLWAS und TDWR an Großflughäfen, sowie zu Pilot-Wind-Shear-Recovery-Training als Pflicht für Verkehrspiloten.

Fertig gelesen?
Melde dich an, um deinen Fortschritt zu speichern.