Wasserlandung (Ditching)
Ditching = kontrollierte Notlandung auf Wasser. Letzter Ausweg, wenn keine geeignete Landfläche erreichbar ist. Selten in der GA, aber für Inselflüge, Küstenflüge oder Überwasser-Cross-Country relevant.
Quelle: FAA-H-8083-3B Kapitel 17 Emergency Landing on Water; FAA-H-8083-25B Kap. 18; ICAO Annex 12 Search and Rescue; ICAO Annex 10 Vol III (ELT).
Vor Anflug — Vorbereitung
- Mayday und Squawk 7700.
- Position an SAR (Search and Rescue) übermitteln.
- Lifejackets an alle Insassen — anlegen, aber NICHT vor Ditching aufblasen (Bewegungseinschränkung in Kabine).
- Notrettungsfloß vorbereiten (falls vorhanden).
- Seekarte prüfen, ggf. Wellenrichtung beobachten.
Anflug-Plan — Wind und Welle
Sea State / Wave Pattern analysieren:
- Deutliche Wellen (>1 m): parallel zum Wellenscheitel (entlang der Welle) landen, ggf. mit geringem Windvektor schräg.
- Wenig Wellen, starker Wind: gegen Wind landen.
- Beste Variante: Wellen-Krone aussuchen (zwischen Crests).
Sonderfall: Küstennähe
- Wenn die Küste in Reichweite und geeignet ist (Strand, ebene Wiese): zur Küste fliegen und auf Land landen.
- Wenn die Küste in Reichweite, aber NICHT geeignet (steiler Fels, dichte Bebauung, starke Brandung): Ditching parallel zur Küste durchführen — nicht senkrecht zur Küste, sondern in Längsrichtung der Küstenlinie. So bleibt der Pilot in Sichtweite und Reichweite für Rettungskräfte vom Land aus, und vermeidet Aufprall an Felsen/Brandung.
Touchdown-Geschwindigkeit und -Konfiguration
- Vstall + 5 KIAS — minimal über Stall, so langsam wie möglich.
- Klappen voll (POH) — niedrigste Stall-Speed, niedrigste Touchdown-Speed.
- Nase hoch beim Touchdown — Vermeidung von Eintauchen Nase zuerst.
- Wings level — bei einem Festfahrwerk-Flugzeug (z.B. Cessna 172) sollen alle drei Räder gleichzeitig auf das Wasser auftreffen → keine asymmetrische Bremsung, keine Rolltendenz.
- Power: nach Möglichkeit ein Rest bei laufendem Motor (kontrollierter Touchdown); bei Triebwerksausfall ohne Power.
Reihenfolge bei Aufprall
- Heckrad (oder Heckkonus) berührt zuerst (Nose-up Attitude).
- Heckabsturz in Wasser → starkes Rauschen und Verzögerung.
- Hauptkörper spritzt durch Wasser, kann sich überschlagen.
- Stop typisch nach 50–150 m.
Schadensmuster
- Festfahrwerk eines Hochdeckers (Cessna): Reifen tauchen zuerst → starkes Bremsmoment, Nasenüberschlag möglich. → Alle 3 Räder gleichzeitig auf Wasser für symmetrische Verzögerung.
- Tiefdecker: Tragflächen verzögern, oft besser kontrolliert.
- Retraktiv-Fahrwerk: Fahrwerk EINGEZOGEN für Ditching empfohlen (POH-Hinweis) — Räder ziehen sonst Flugzeug auf Nase und in Wasser.
Egress (Aussteigen)
Vor Touchdown:
- Türen entriegelt (nicht offen!) — Druck nach Aufprall könnte verkeilen.
- Sicherheitsgurte fest.
- Brace Position.
Nach Touchdown:
- Master OFF.
- Tür öffnen sofort nach Stopp.
- Schnellabschnallen.
- Bei Eintauchen: Cockpit füllt sich in 30–60 Sek mit Wasser — Geschwindigkeit ist wichtig.
- Lifejacket aufblasen AUSSERHALB des Flugzeugs (nicht in Kabine — verheddert sich in Engstellen, blockiert Türen, behindert Untertauchen). Die Westen werden erst nach dem Verlassen des Flugzeugs aufgeblasen — das ist ein kritisches Detail.
- Notrettungsfloß aktivieren.
- Sammlung und Abstand vom sinkenden Flugzeug halten.
Überlebenszeit im Wasser (kalt/warm)
Kaltes Wasser ist Killer #1 — Hypothermie (siehe Subject 040).
- 0 °C: Bewusstlosigkeit nach 15–30 min, Tod nach 30–90 min.
- 10 °C: Bewusstlosigkeit nach 1 h, Tod nach 1–3 h.
- 20 °C: Stunden bis Tage.
Wassertemperatur in Mitteleuropa: Bodensee Winter 4–6 °C, Sommer 18–22 °C; Nordsee 6–18 °C.
ELT (Emergency Locator Transmitter)
Bedeutung: ELT = Emergency Locator Transmitter — Notpeilsender, der nach einem Unfall ein Funksignal aussendet, das von Satelliten und Bodenstationen empfangen wird, um die Unfallposition zu bestimmen.
Auslösung:
- Automatisch bei mechanischem Aufprall (G-Sensor, typischer Schwellenwert 4-5 g) — Standardausstattung in modernen Flugzeugen.
- Manuell vom Pilot — Schalter im Cockpit (Pre-Crash bei kontrollierter Notlandung).
Frequenzen:
- 121,500 MHz (analog) — historische Notfrequenz, geringe Leistung (ca. 100 mW), Signal nicht codiert.
- 406 MHz (digital) — moderne Notfrequenz, 5 Watt Sendeleistung, codiertes Notsignal mit eindeutiger Aircraft-ID und (mit eingebautem GPS) Positionsdaten.
- 243,0 MHz (military) — historisch, weitgehend abgelöst.
Pflichtausrüstung: nach EASA NCO.IDE.A.170 ist für Flüge über See/abgelegene Gebiete ein ELT vorgeschrieben.
COSPAS-SARSAT-System
COSPAS-SARSAT ist das internationale satellitenbasierte SAR-Detektionssystem. Es besteht aus zwei Satelliten-Konstellationen:
- LEOSAR (Low Earth Orbit SAR): polare Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn (~850 km Höhe). Empfangen ELT-Signal, bestimmen Position via Doppler-Berechnung beim Überflug.
- GEOSAR (Geostationary SAR): geostationäre Satelliten in ~36 000 km Höhe. Empfangen ELT-Signal sofort beim Auslösen (kontinuierliche Erfassung), übermitteln aber keine Doppler-Position — nur die GPS-Position vom 406-MHz-ELT.
Datenfluss bei ausgelöstem ELT (406 MHz):
- ELT sendet codiertes Signal mit Aircraft-ID und (falls GPS-fähig) Position.
- Satelliten (LEOSAR + GEOSAR) empfangen das Signal.
- Empfangs- und Kontrollzentren (LUT — Local User Terminal; MCC — Mission Control Centre) verarbeiten das Signal, ermitteln Position.
- SAR-Koordinationszentren (RCC — Rescue Coordination Centre) erhalten Position und Aircraft-ID, koordinieren Such- und Rettungseinsatz.
→ Reaktionszeit typisch < 1 Stunde in Mitteleuropa, oft Minuten in Küstennähe.
Quelle: ICAO Annex 10 Vol III; COSPAS-SARSAT International Programme offizielle Dokumentation (https://www.cospas-sarsat.int).
Lifejackets — Pflicht
EASA Part-NCO: bei Überwasserflug mit Distanz > 50 NM von der Küste Lifejackets für alle Insassen Pflicht (NCO.IDE.A.175).