Empty Field Myopia — leere Felder Myopie
Empty Field Myopia (EFM), auch „leere Sicht-Myopie" oder „Sky Myopia", ist ein wichtiger physiologischer Effekt, der die Verkehrsbeobachtung im Flug erheblich beeinträchtigt.
Was ist EFM?
Definition: Wenn das menschliche Auge keinen klaren Fokuspunkt in der Sichtumgebung hat (z. B. wolkenloser blauer Himmel, gleichmäßige Wolkendecke, dichter Nebel), fokussiert es nicht auf unendlich, sondern auf einen „Ruhepunkt" bei etwa 1–2 m vor dem Auge.
Folge: Objekte in der Ferne (insbesondere kleine, kontrastarme Objekte wie ein entgegenfliegendes Luftfahrzeug) sind unscharf abgebildet auf der Netzhaut — der Pilot kann ein Verkehrsflugzeug auf Kollisionskurs erst spät oder gar nicht erkennen.
Ursache — Akkommodation des Auges
Das Auge stellt durch die Akkommodation (Linsen-Anpassung durch den Ziliarmuskel) auf unterschiedliche Entfernungen scharf:
- Naher Punkt: Linse stark gekrümmt, Ziliarmuskel angespannt.
- Ferner Punkt: Linse abgeflacht, Ziliarmuskel entspannt.
Wenn jedoch kein Fokuspunkt im Bild existiert (keine Linien, Strukturen, Texturen), entspannt sich das Auge in eine „Akkommodations-Ruhelage" — bei 1–2 m, nicht bei unendlich.
Dieser Effekt wurde in der Luftfahrtforschung der 1970er-Jahre wissenschaftlich nachgewiesen und ist in heutiger Pilotenausbildung Standardwissen.
Wann tritt EFM auf?
Typische Situationen:
1. Wolkenloser blauer Himmel:
- Kein Kontrast, keine Strukturen.
- Pilot fixiert den „Nichts-Bereich" — entgegenkommendes Flugzeug nicht erkannt.
2. Gleichmäßige Wolkendecke:
- Stratus-Decke unter dem Flugzeug ohne Strukturen.
- Schwierigste Sichtbedingungen für Verkehrsbeobachtung.
3. Nebel / Dunst über Wasser:
- Nahezu keine Sichtreferenz.
- Sehr hohes EFM-Risiko, zusätzlich räumliche Desorientierung.
4. Polarlicht / Schneefeld / Wüste:
- Wenig Strukturen, keine Tiefenwahrnehmung.
Auswirkungen
Reduzierte Erkennungsdistanz:
- In unstrukturierter Sicht erkennt der Pilot ein entgegenkommendes Flugzeug erst aus < 1 NM Entfernung — bei einer Schließgeschwindigkeit von 300 kt (zwei VFR-Flugzeuge entgegen) bleiben < 12 Sekunden zur Reaktion.
Erhöhtes Kollisionsrisiko:
- Mid-Air-Kollisionen erfolgen oft bei guter Sicht aber „leerer" Sichtumgebung.
- Statistik: rund 75 % der Mid-Air-Kollisionen passieren bei VMC (visuelle Bedingungen).
Gegenmaßnahmen
1. Aktives Scanning
Sichtsuche-Technik (siehe Visuelles Scannen-Lesson) — periodisches Fokussieren auf konkrete Objekte zwingt das Auge zur Akkommodation auf unendlich:
- Tragflügelspitze fokussieren (1–2 Sekunden), dann zurück zum Sichtfeld.
- Tragflügel-/Cockpit-Strukturen als Ankerpunkte verwenden.
- Strukturen am Horizont (Wolken, Gelände, Sonne) gezielt anschauen.
2. Sicht-Reize bewusst suchen
- Wolken im Hintergrund — sogar einzelne Cumuli helfen.
- Gelände-Strukturen unten (Felder, Wälder, Flüsse).
- Andere Flugzeuge (Kondensstreifen, andere Maschinen) sind Sichtanker.
3. Augenbewegung in regelmäßigen Intervallen
- Pilot-Eye-Movement alle 5–10 Sekunden — verhindert „Starren".
- Pause zwischen den Außen-Blicken (innen Instrumente) ist wichtig.
4. Bei IMC-Eintrag
Sobald EFM-Bedingungen auftreten (nichts mehr sichtbar): Instrumenten-Flug annehmen — VFR-Pilot ohne IR muss umkehren oder sinken zu sichtbaren Bedingungen.
5. Sonnenbrille und Polfilter
- Hilft, Reflexionen zu reduzieren, kann aber EFM nicht beheben.
6. Verkehrshinweise nutzen
- ATC / FIS / TIS / ADS-B aktiv nutzen.
- Transponder Mode S / ADS-B ermöglicht TIS-Anzeige im EFB.
Verwandte visuelle Effekte
Night Myopia:
- Bei Nacht ohne Lichtreize fokussiert das Auge auf ca. 1–2 m statt unendlich.
- Konsequenz: Sternenbeobachtung ist unscharf; Landeflug-Lichter werden unscharf wahrgenommen.
Instrument Myopia:
- Pilot, der lange auf Instrumente schaut, fokussiert auf 0,5–1 m.
- Beim Außenblick danach: kurze Akkommodations-Verzögerung.
Dark Focus:
- Akkommodations-Ruhelage bei völliger Dunkelheit — meist 1 m, individuelle Variation.