Hazardous Attitudes — die 5 gefährlichen Einstellungen
Die FAA identifizierte in ihrer Forschung zu Aeronautical Decision Making (ADM) fünf wiederkehrende Denkmuster (Hazardous Attitudes), die Piloten zu falschen Entscheidungen verleiten — selbst wenn das technische Wissen vorhanden ist.
Diese Muster sind universell — jeder Pilot zeigt sie zeitweise. Entscheidend ist das Erkennen und das bewusste Anwenden des Gegen-Gedankens (Antidote).
1. Anti-Authority — „Sag mir nicht, was ich zu tun habe!"
Beschreibung: Der Pilot lehnt Vorschriften, Anweisungen oder Empfehlungen ab — sieht sie als unnötige Einschränkung oder als Anmaßung an.
Typische Aussagen:
- „Diese Vorschrift ist Quatsch."
- „Ich weiß, was ich tue — die Behörde übertreibt."
- „Die Mindesthöhen sind nur für Anfänger."
Beispiele in der Praxis:
- Pilot fliegt unter den vorgeschriebenen Mindesthöhen,
- Pilot ignoriert NOTAM oder ATC-Anweisungen,
- Pilot startet ohne FPL bei Pflicht-Flügen.
Antidote: „Folge den Regeln. Sie sind meist richtig." (Follow the rules. They are usually right.)
2. Impulsivity — „Schnell — etwas tun!"
Beschreibung: Der Pilot reagiert vorschnell und ohne Nachdenken auf eine Situation. Wählt die erste, beste Aktion ohne Bewertung.
Typische Aussagen:
- „Schnell, mach was!"
- „Egal was, Hauptsache aktiv."
Beispiele:
- Bei Triebwerksausfall sofort scharf bremsen oder unbedachte Steueraktion,
- In IMC sofort Steilkurve ohne Instrumenten-Check,
- Bei einem Funksignal-Verlust sofort Frequenz wechseln ohne Standardverfahren.
Antidote: „Nicht so schnell. Denke nach, bevor du handelst." (Not so fast. Think first.)
Praktische Hilfe: Auswendig gelernte Notfall-Checklisten und Aviate–Navigate–Communicate verhindern impulsive Fehlreaktionen.
3. Invulnerability — „Mir kann nichts passieren!"
Beschreibung: Der Pilot glaubt, dass Unfälle „den anderen" passieren, nicht ihm selbst. Unterschätzt Risiken systematisch.
Typische Aussagen:
- „Ich bin ein guter Pilot, mir passiert nichts."
- „Das ist ein Anfänger-Fehler — ich nicht."
- „Diese Statistik gilt für andere."
Beispiele:
- Pilot fliegt in marginale Sicht ohne ausreichende Erfahrung,
- Pilot überschätzt eigene VFR-zu-IMC-Behandlung,
- Pilot ignoriert Wartungshinweise oder schwache Symptome.
Antidote: „Es kann auch mir passieren." (It could happen to me.)
Praktische Hilfe: Unfallberichte lesen — z. B. AOPA, BFU-Berichte — fördert realistische Risikoeinschätzung.
4. Macho — „Ich kann das!"
Beschreibung: Der Pilot will sich beweisen, geht unnötige Risiken ein, um Können zu zeigen. Häufiges Risiko bei jungen, neu lizenzierten Piloten.
Typische Aussagen:
- „Schau mal her, das schaff ich locker."
- „Ein erfahrener Pilot kann das."
- „Das ist nichts für mich — peinlich, dass ich Bedenken hätte."
Beispiele:
- Steilkurven unter 500 ft AGL (Low-Flying),
- Annähern an Wolken in marginalen Bedingungen,
- Buzzing (Vorbeiflug am Haus eines Freundes),
- Aerobatic-Manöver ohne entsprechende Ausbildung.
Antidote: „Den Vogel zu spielen ist dumm. Sicherer Flug ist das Ziel." (Taking chances is foolish.)
Praktische Hilfe: Erkennen, dass ein guter Pilot kein unnötiges Risiko sucht — defensiv und überlegt zu fliegen ist die wahre Kompetenz.
5. Resignation — „Was nützt es?"
Beschreibung: Der Pilot fühlt sich machtlos gegen die Umstände — gibt auf, weil er glaubt, nichts ändern zu können. „Es wird sowieso schlimmer."
Typische Aussagen:
- „Was kann ich schon tun?"
- „Das Schicksal entscheidet."
- „Ich übernehme keine Verantwortung — der andere ist schuld."
Beispiele:
- Bei mehreren kleinen Problemen in Serie aufgibt der Pilot statt strukturiert zu reagieren,
- Pilot fliegt in IMC weiter, weil er glaubt es sei „zu spät zur Umkehr",
- Bei zunehmender Müdigkeit fortgesetztes Fliegen ohne Pause.
Antidote: „Ich bin nicht hilflos. Ich kann etwas verändern." (I am not helpless. I can make a difference.)
Praktische Hilfe: Der PIC ist immer für die Sicherheit verantwortlich — diese Verantwortung darf nicht aufgegeben werden.
Selbst-Diagnose und Anwendung
Schritt 1 — Erkennen:
- In schwierigen Situationen: „Welches Denkmuster zeigt sich gerade?"
- Selbst-Beobachtung trainieren (Logbuch nach Flug, Reflexion in Standardflug-Phasen).
Schritt 2 — Anwenden des Antidote:
- Bewusster Wechsel des Gedankens: „Es kann auch mir passieren. Ich nehme die NOTAM ernst."
Schritt 3 — Routine entwickeln:
- Standard-Verfahren (Checklisten, Aviate–Navigate–Communicate) reduzieren impulsive Reaktionen.
- Regelmäßige Selbst-Reflexion nach Flügen.
Beziehung zu IMSAFE und ADM
Hazardous Attitudes sind ein Element des Aeronautical Decision Making (ADM):
- IMSAFE prüft physische und mentale Bereitschaft.
- Hazardous Attitudes prüfen kognitive Voreingenommenheit.
- DECIDE / FORDEC strukturieren den Entscheidungsprozess.
Alle drei Werkzeuge ergänzen sich.