Was ist Single-Pilot Resource Management (SRM)?
SRM (Single-Pilot Resource Management) ist die Anwendung der CRM-Prinzipien (Crew Resource Management) auf den Einzel-Piloten-Betrieb — wie er für die meisten PPL-Flüge zutrifft.
Definition (FAA AC 60-22): „Die Kunst und Wissenschaft, alle verfügbaren Ressourcen — Information, Ausrüstung und Personen — vor und während des Fluges zu verwalten, um ein sicheres und erfolgreiches Ergebnis zu gewährleisten."
Unterschied zu CRM:
- CRM (Mehrpiloten): Teamarbeit zwischen Captain, FO, Cabin Crew, ATC.
- SRM (Einzel-Pilot): der Pilot muss alle Rollen allein ausfüllen — daher umso wichtiger, Tools und externe Ressourcen systematisch zu nutzen.
Bausteine des SRM
Das SRM-Konzept (FAA) gliedert sich in 5 Hauptbereiche:
1. Aeronautical Decision Making (ADM)
Strukturierte Entscheidungsfindung — siehe Lesson Decision-Making Modelle: DECIDE und FORDEC.
Werkzeuge:
- DECIDE / FORDEC.
- PAVE-Checkliste vor Flug.
2. Risk Management — PAVE
Vor jedem Flug die vier Risikoquellen analysieren:
P — Pilot:
- Bin ich fit (IMSAFE)?
- Habe ich die nötige Erfahrung für diesen Flug?
- Bin ich „current" für Wetter, Tageszeit, Muster?
A — Aircraft:
- Ist das Luftfahrzeug airworthy?
- Hat es die nötige Ausrüstung für den Flug (z. B. Funk, Transponder, Navigationshilfen)?
- Ist die Performance ausreichend (M&B, Density Altitude)?
V — Environment:
- Wetter (Sicht, Wolken, Wind, Turbulenz, Vereisung)?
- Tageszeit (Dämmerung, Nacht)?
- Gelände (Berge, Wasser, Wüste)?
- Lufträume und Sperrzonen?
- Flugplätze (Pistenlänge, Service, Alternativen)?
E — External Pressures:
- Termin-/Familien-Druck zur Durchführung?
- Finanzielle Erwägungen?
- Soziale Erwartungen (Passagiere)?
- „Press-on-itis" — der häufigste Killer.
3. Task Management
Effizientes Verteilen der Aufgaben über die Phasen des Fluges:
Workload-Management:
- Vor dem Flug (am Boden): so viel wie möglich erledigen (Routenplanung, Weather Briefing, NOTAM, M&B, V-Speed-Auswahl).
- Im Flug: nur das tun, was am Boden nicht möglich war (Standardverfahren, Funk, Korrekturen).
- Während kritischer Phasen (Start, Landung): Minimal-Workload, „Sterile Cockpit" (kein Smalltalk).
Priorisierung:
- Aviate — Flugzeug stabil halten,
- Navigate — Position und Kurs,
- Communicate — Funk, Passagier-Info.
Automation Management:
- Autopilot, GPS-Direct-To, EFB-Tools richtig nutzen — aber den Piloten nicht abhängig machen.
4. Situational Awareness (SA)
„Wissen, wo man ist, was passiert, was als Nächstes kommt."
Drei Ebenen (Endsley-Modell):
- Level 1: Wahrnehmung — Was ist gerade um mich herum?
- Level 2: Verstehen — Was bedeutet das?
- Level 3: Vorhersage — Was wird in 5 Minuten passieren?
SA-Verlust-Warnzeichen:
- Verwirrung, Überraschung über Ereignisse,
- Fixierung auf ein einzelnes Instrument oder Problem,
- Ignorieren von Funkanrufen,
- Auswahl der falschen Frequenz oder Höhe,
- Time-Compression / Verlust des Zeitgefühls.
SA wiederherstellen:
- Aviate — zuerst das Flugzeug,
- Stop and think — kurz Pause, situativ neu bewerten,
- Hilfe holen — FIS, ATC, ein Pax.
5. Controlled Flight Into Terrain (CFIT) Awareness
CFIT ist eine der häufigsten Unfallursachen. SRM verlangt:
- Mindesthöhen einhalten (MSA, MORA),
- Terrain auf der Karte vorher studieren,
- Bei Wolken oder Dunkelheit besondere Vorsicht,
- TAWS wenn vorhanden nutzen.
Externe Ressourcen für den Einzel-Piloten
Der Einzel-Pilot ist nicht allein — er muss aktiv externe Ressourcen anzapfen:
ATC / FIS:
- Verkehrshinweise,
- Wetter-Updates,
- Radar-Vectoring zu sicheren Höhen,
- Mayday/Pan-Pan bei Notfall.
Funk-Beratung:
- AFIS, Tower auf Funk anrufen für Wetter oder Beratung.
- D-RDLF (Radio Direction Lufthansa Frequenz) in der DACH-Region.
EFB / Apps:
- Wetter-Live-Daten (ADS-B IN-Daten, Radar via Internet vor Flug),
- Karten, Hindernisse, Flugplätze,
- Flight Following.
Passagiere:
- Können bei Sichtsuche helfen,
- Können Karten oder Geräte halten,
- Aber: Pilot bleibt alleinverantwortlich.
Stress und SRM
Stress beeinträchtigt SRM-Funktionen:
- Tunnel-Blick → SA-Verlust,
- Reaktion vor Analyse → Impulsivity,
- Aufgabe der Optionen → Resignation.
Gegenmaßnahmen:
- Standardverfahren auswendig (Notfall-Checklisten).
- Pre-Brief vor Phasen mit hoher Belastung (z. B. Anflug).
- Workload kalibrieren — wenn möglich vor dem Flug planen, nicht ad-hoc.
Praktische Anwendung
Vor jedem Flug:
- IMSAFE (Pilot fitness),
- PAVE (Risikoanalyse),
- DECIDE/FORDEC wenn Entscheidung nötig.
Im Flug:
- Aviate–Navigate–Communicate als Grund-Priorität,
- SA aktiv aufrecht erhalten — Position, Kurs, Wetter, Treibstoff alle 5–10 Minuten checken,
- Hilfe nutzen — FIS, ATC, EFB sind keine Schwäche, sondern Pflicht.
Nach dem Flug:
- Debriefing mit sich selbst — was lief gut, was nicht?
- Logbuch-Notiz zu Erfahrungen.
- Reflexion über aufgetretene Hazardous Attitudes.