Konzept „Clean Aircraft"
Das Clean-Aircraft-Konzept ist ein fundamentaler Sicherheitsgrundsatz der EASA und FAA: Ein Luftfahrzeug darf nicht starten, wenn sich auf den Flügeln, Steuerflächen, Propellern, Triebwerkseinläufen, Bremsklappen oder anderen kritischen Oberflächen Frost, Eis, Schnee oder gefrorene Ablagerungen befinden — selbst eine dünne, sandkornartige Rauheit kann katastrophale Auswirkungen haben.
Rechtsgrundlage:
- EASA Part-NCO.OP.180 (Ice and other contaminants — ground procedures): „Der Pilot darf den Start nur dann beginnen, wenn das Luftfahrzeug frei von Ablagerungen ist, die seine Leistung oder Steuerbarkeit beeinträchtigen könnten, ausgenommen wie im AFM erlaubt."
- Part-NCO.OP.185 (Ice and other contaminants — flight procedures) regelt das gleiche für den Flug.
- FAA „Clean Aircraft Concept" (FAR §91.527) — analoge Vorschrift.
Auswirkungen von Eisablagerungen
Auf den Tragflügel:
- Auftrieb sinkt — schon 0,8 mm Eis (Rauheit wie grobes Schmirgelpapier) auf der Vorderkante kann Auftrieb um 25–30 % reduzieren und Widerstand um 40 % erhöhen.
- Kritischer Anstellwinkel sinkt — der Stall tritt bei geringerem AoA und höherer Geschwindigkeit ein (höhere Stallspeed).
- Asymmetrische Eisansammlung → unsymmetrischer Auftriebsverlust → Roll-Tendenz.
Auf die Steuerflächen:
- Höhenruder-Vereisung ist besonders gefährlich: Bei eingefahrenen Klappen oft kein Problem, aber beim Ausfahren der Klappen drückt die Höhenruderzuströmung nach unten → bei vereistem Höhenruder „Tailplane Stall" mit plötzlichem Nick nach unten.
- Querruder-Vereisung → Flatter-Risiko, asymmetrischer Roll.
Auf den Propeller:
- Ungleichmäßige Eisansammlung → Vibrationen, Wuchtprobleme → bei größeren Klumpen Strukturschäden.
- Schub-Verlust durch geänderte Blattform.
Auf das Gewicht:
- Eisansammlungen erhöhen Masse und können CG verlagern.
Auf die Triebwerksleistung:
- Vereiste Lufteinlässe begrenzen den Luftstrom → Leistungsverlust.
- Carb-Icing (siehe eigene Lesson) → Power-Verlust beim Vergasermotor.
Anti-Icing vs De-Icing
Anti-Icing (Verhinderung von Eisbildung):
- Wirkt präventiv: Bevor sich Eis bildet, wird die Oberfläche erwärmt oder mit eisabweisender Flüssigkeit benetzt.
- Systeme: Pitot-Heat, beheizte Vergasereinlässe, beheizter Windschutzscheibenbereich, Anti-Icing-Flüssigkeit (z. B. Glykol-Wasser-Gemisch) auf Tragflächen-Vorderkanten.
- „Weeping Wing" (TKS-System): Flüssigkeit tritt aus mikroperforierten Vorderkanten aus.
De-Icing (Entfernung bereits gebildeten Eises):
- Wirkt reaktiv: Eis hat sich bereits gebildet und wird mechanisch oder thermisch entfernt.
- Systeme: Pneumatische De-Icing-Boots (aufblasbare Gummischläuche an Vorderkanten, die Eis abplatzen lassen), thermische De-Icing (heiße Luft aus Triebwerks-Abzapfluft), elektrische De-Icing (Heizdrähte).
- Wird erst aktiviert, wenn ca. 6–12 mm Eis aufgebaut sind — vorher ist die De-Icing-Boot-Aktion ineffektiv (das Eis schlüpft nicht).
Komponenten, die geschützt werden können
| Komponente | Methode |
|---|---|
| Pitot-Rohr | Elektrische Heizung |
| Statische Druckabnahme | Elektrische Heizung |
| AoA-Sensor | Elektrische Heizung |
| Windschutzscheibe | Elektrische Heizung (Drahtgewebe oder Folie), heiße Luft, Glykol-Flüssigkeit |
| Tragflächen-Vorderkanten | Pneumatische Boots, thermische Anti-Icing (heiße Luft), TKS Weeping-Wing-Flüssigkeit, elektrische Heizung |
| Höhenruder, Seitenleitwerk-Vorderkanten | wie Tragflächen |
| Propeller-Blätter | Elektrische Heizmatten, Alkohol-Sprühanlage, oder ungeschützt |
| Triebwerkslufteinlass | Heißluft (Anti-Ice-Valve), elektrische Heizung |
| Vergaser | Carb-Heat (heiße Auspuffluft) |
| Antennen | Meist ungeschützt |
Bedeutung für PPL(A)
Die meisten Schulflugzeuge (C172, PA-28, DA40) sind „nicht für Flug in bekannter Vereisung zertifiziert" (No Flight Into Known Icing — NFIKI). Sie haben typischerweise nur:
- Pitot-Heat,
- Carb-Heat (Vergaser-Vorwärmung) bei Vergasermotor,
- ggf. Windschutzscheibenheizung.
Kein Tragflächen-Anti-/De-Icing. Daher gilt: bei tatsächlicher oder vorhergesagter Vereisung VFR-Flug vermeiden.